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A. Gavalda

Nicht zu fassen.

Sie war ebensfalls da. Saß vor der Maschine Nummer sieben, ihre Tasche mit nasser Wäsche zwischen den Beinen, und las.

 

Er setzte sich ihr gegenüber, ohne daß sie ihn bemerkte. Es faszinierte ihn immer wieder. Wie sie und Philibert sich konzentrieren konnten. Das erinnerte ihn an einen Werbespot, einen Typen, der in aller Seelenruhe seinen Boursin aß, während die Welt um ihn herum einstürzte. Ihn erinnerte vieles an Werbespots. Das lag bestimmt daran, daß er als kleiner Junge so viel ferngesehen hatte.

 

Er spielte ein kleiner Spielchen: Stell dir vor, du betrittst an einem 29. Dezember gegen fünf Uhr nachmittags diesen versifften Waschsalon in der Avenue de La Bourdonnais und siehst diese Gestalt zum ersten Mal in deinem Leben, was würdest du sagen?

 

Er versenkte sich tief in seinen Plastiksitz, steckte die Hände in die Jackentaschen und kniff die Augen zusammen.

 

Zuerst würdest du denken, ein Typ. Wie beim ersten Mal. Keine Tunte zwar, aber zumindest ein ziemlich femininer Typ. Du würdest also aufhören, nach ihm zu schielen. Obwohl... Du hättest trotz allem deine Zweifel. Aufgrunder der Hände, des Halses, der Art, mit dem Daumen über die Unterlippe zu streichen. Ja, du würdest stutzen. War es am Ende vielleicht doch ein Mädchen? Ein Mädchen, das in einem Zelt steckte? Als wollte sie ihren Körper verstecken? Du würdest versuchen, woandersthin zu schauen, aber du müßtest sie immer wieder anstarren. Weil sie etwas hatte. Eine besondere Aura. Oder was es villeicht das Licht?

Genau. Das war's.

 

Wenn du an einem 29. Dezember diesen versifften Waschsalon in der Avenue de La Bourdonnais betreten und im tristen Licht der neonlampen diese Gestalt sehen würdest, würdest du dir genau das sagen: Scheiße Man. Ein Engel...

 

In dem Moment sah sie auf, erblickte ihn, verharrte einen Moment reglos, als hätte sie ihn nicht erkannt, und fing schließlich an zu lächeln. Oh, fast unmerklich, ein leichtes Aufleuchten, ein kleines Wiedererkennen unter Stammgästen.

"Sind das deine Flügel?" fragte er und zeigte auf ihre Tasche.

"Pardon?"

"Ach nix."

_____

 

Einer der Trockner war durchgelaufen, und sie seufzte beim Blick auf die Wanduhr. Ein Penner ging zu Maschine. Er holte eine Jacke und einen ausgefransten Schlafsack heraus.

Jetzt wurde es interessant. Seine Theorie auf die Probe gestellt. Keine normale Frau würde nach einem Penner ihre Sachen in den Trocker stecken, und er wußte, wovon er sprach: Er hatte fast fünfzehn Jahre Waschsalon-Erfahrung hinter sich.

Er erforschte ihr Gesicht.

 

Nicht das geringste Anzeichen dafür, daß sie zurückschreckte oder stockte, nicht der Ansatz einer Grimasse. Sie stand auf, lud in aller Eile ihre Kleider in die Maschine und fragte ihn, ob er ihr Geld wechseln könne.

Dann kehrte sie an ihren Platz zurück und nahm ihr Buch wieder auf.

Er war ein wenig enttäuscht.

Perfekte menschen waren etwas Gräßliches..

_____

 

"Im Grunde bist du ganz normal", er klärte er ihr.

"Warum sagst du das? Natürlich bin ich normal."

" ... "

"Enttäuscht dich das?"

"Nein."

_____

 

Schön, das Mädchen war blöd aber ganz und gar nicht dumm, das war das Gute.

 

Bei jeder anderen Tussi hätte er aufgelegt und fertig. Aber bei ihr hatte er gesagt, es sei sein Chef, um sie zum Lachen zu bringen, und sie war so gewitzt, darauf einzuspringen und erstaunt zu tun. Eine Unterhaltung mit ihr war wie Pingpong: Sie hielt das Tempo und schmetterte die Bälle in die Ecken, wenn man am wenigsten darauf gefaßt war, das gab einem das Gefühl, weniger blöd zu sein.

[ ... ]

Er wußte nämlich, daß er gar nicht so doof war, wie er aussah, sein Problem waren die Wörter. Ihm fehlten immer die Wörter, deshalb mußte er laut werden, um sich verständlich zu machen. Stimmt schon, das war voll beschissen, verdammt!

____

 

Zerstreut versah er seinen Dienst.

Das einzige Mädchen im ganzen Universum, das in der Lage war, einen Schal zu tragen, den seine Oma gestrickt hatte, und dabei noch gut auszusehen, würde er nie haben können.

Das Leben war schon ätzend.

_______

 

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